26.10.2011
Ein Wort zur europäischen Wirtschaftskrise
Was hast du denn, das du nicht geschenkt bekamst? (1. Kor 4,7) Die Gemeinde in Korinth fühlte sich offenbar überlegen, stark und strotzte vor Selbstbewusstsein. Sie erinnert mich damit an den Geist unserer Zeit.
Wenn ich in der Zeitung von der wirtschaftlichen Stärke Deutschlands lese und dort beobachte, wie oft in Medien in einer herablassenden Art mit anderen europäischen Nationen, allen voran Griechenland, umgegangen wird, muss ich an den Satz denken, den Paulus den Korinthern in ihr Stammbuch geschrieben hat: „Was hast du denn, das du nicht geschenkt bekamst?“ (1. Kor 4,7)
Dieser Satz ist auf drei Ebenen für uns gültig und kann auf unser Leben angewendet werden 1. Auf der nationalen Ebene: Deutschland lebt auch 70 Jahre nach dem Holocaust von dem Geschenk der Gnade. Es war die Weisheit und auch der Weitblick der Politiker der Nachkriegszeit, Deutschland nicht in eine ökonomische Wüste zu verwandeln. Die amerikanische Luftbrücke nach Berlin rettete unsere heutige Bundeshauptstadt. Unser Land blühte wirtschaftlich auf, während viele Länder Europas bis heute unter der Schuld und den Lasten der Besetzung Deutschlands leiden. Es ist eine Tatsache, dass Griechenland unter der Besetzung Nazi – Deutschlands gelitten hat und wirtschaftlich bis auf‘s äußerste ausgeraubt wurde. Wem etwas geschenkt worden ist, dem steht es nicht zu, sich über andere zu erheben und sich zu „rühmen“. Das gilt uns als Deutschen sicherlich zuerst. Wenn Christen in dieser demütigen und zerbrochenen Haltung für die europäischen Nachbarn anhaltend beten würden, könnte die Wirtschaftskrise schneller beendet sein, als wir denken.
Die 2. Ebene ist die unserer Kirchen und Gemeinden: Wir können uns, ganz gleich welcher Ausprägung und Couleur, ob Landeskirche oder Freikirche, junge oder alte Gemeinden, anderen gegenüber als überlegen oder stark empfinden, und merken dabei nicht, wie sehr wir uns damit geistlich disqualifizieren und ins Abseits bewegen. Paulus spricht zu den Korinthern als Apostel, den Gott als den „Allergeringsten“ hingestellt hat, (1. Kor 4, 9) und der alleine aus dem Geschenk der Gnade leben kann. Ich erinnere mich an eine der prägendsten Erfahrungen, die ich vor vielen Jahren mit Jesus machte. Nach einer Zeit der inneren Krise und der Niederlage hörte ich, wie er sagte: „Vergiss nie, dass alles, was du in Zukunft erleben wirst, nicht aus deiner Kraft oder deinen Fähigkeiten heraus geschieht, sondern ein Geschenk von mir ist.“ Wir sind dankbar für die Eröffnung des neuen TOS Gemeinde- und Konferenzzentrums in diesem Jahr. Es ist kein Symbol der Stärke, sondern der Abhängigkeit von Gott – und ist ein Geschenk.
Die 3. Ebene ist die unseres persönlichen Lebens: Viele Menschen leben in einem „Mangelbewusstsein“. Das eigene Leben, die Gaben und Fähigkeiten, die Familie, vielleicht die Kirche oder Gemeinde, in der wir sind, ebenso vielleicht auch unser Beruf: da ist nichts mehr gut genug. An dem meisten lassen wir kein „gutes Haar“. Unsere Außendarstellung ist jedoch völlig anders: überlegen, stark und selbstbewusst, eben wie die Mitglieder der Gemeinde Korinth. Paulus schreibt ihnen als Seelsorger: Dein Leben, deine Familie - selbst der Sauerstoff, den du atmen kannst – alles, was du siehst, erlebst und vielleicht auch erdulden musst – weißt du nicht, das du alles von Gott geschenkt bekommen hast? Wir leben aus dem Geschenk der Erlösung und Gnade Jesu, und wer es dankend annimmt, kann sein „Mangelbewusstsein“ aktiv in eine „Geschenkmentalität“ verändern und die Zusage von Paulus an die Gemeinde der Philipper empfangen: „Mein Gott aber wird all eurem Mangel abhelfen nach seinem Reichtum in Herrlichkeit in Christus Jesus“ (Phil 4,19).
Jobst Bittner




