Wort des Monats - Archiv

18.10.2010

Der heilige Sohn eines Massenmörders

Herbert war über 20 Jahre Alkoholiker. Seine Familie war auseinander gebrochen und er hatte vom Leben nicht mehr viel zu erwarten. Er hörte bei der Essensausgabe für Obdachlose von der Liebe Jesu, bekehrte sich und wandte sich Schritt für Schritt Jesus zu. Sein Leben veränderte sich und der Alkohol verschwand aus seinem Leben.

 

Langsam wurde er wieder fähig, kleine  Aufgaben zu übernehmen. Hinter der zerstörten Fassade seiner Persönlichkeit kam ein sensibler Mann zum Vorschein, der es liebte, mit wundervollen Geschenken seine Dankbarkeit auszudrücken.

 

Im Laufe der Zeit kam in ihm eine Frage auf, die er nicht wieder los zu werden schien: Was war in seinem Leben so schief gelaufen? Gab es darauf eine Antwort, die noch tiefer lag als sein persönliches Versagen? Da begann er, seine persönliche Familiengeschichte aufzuarbeiten. Er wusste, dass sein Vater als Soldat in der Ukraine war - mehr aber nicht. Er nutzte die Möglichkeit, bei öffentlichen Stellen nachzuforschen und bekam einige Monate vor dem "Marsch des Lebens" in der Ukraine einen offiziellen Bescheid. Sein Vater - so stand es hier schwarz auf weiß - war zur Zeit des Massakers von Babi Jar 1941/42 in Kiew stationiert gewesen. Innerhalb von drei Tagen wurden dort damals über 33.000 Juden mit Maschinengewehrsalven umgebracht. Sein Vater gehörte, so konnte er es nachlesen, zu einem Wehrmachtsbataillon, das Mordaktionen an tausenden Juden und Kriegsgefangenen in verschiedenen Teilen der Ukraine durchgeführt hatte.

 

Bis zu diesem Zeitpunkt lag über der Geschichte seines Vaters eine finstere Decke des Schweigens. Jetzt aber war sie zerrissen. Herbert investierte alles  was er an Geld hatte, um bei dem Marsch des Lebens in der Ukraine dabei zu sein. Sein Herz drohte kurz vor der Reise zu versagen, aber nichts durfte ihn abhalten, an der wichtigsten Reise seines Lebens teilzunehmen. Er ließ sich auf eigene Verantwortung  aus dem Krankenhaus entlassen. Nun stand er bei der "Marsch des Lebens"  Versöhnungsveranstaltung in Kiew an der Gedenkstätte von Babi Jar, an diesem Ort des Grauens, vor den Überlebenden des Holocaust. Er kam, um als Sohn eines Massenmörders um Vergebung zu bitten, weil er selbst Gnade und Vergebung erleben durfte. Ich erinnere mich, wie er neben vierzig anderen, deren Väter oder Großväter eine ähnliche Täter-Geschichte hatten, in der Mittagshitze von Babí Jar stand. Eine junge Frau sprach stellvertretend für alle. Ihre  Bitte um Vergebung wurde von zahlreichen Fernsehstationen übertragen und bewegte ein ganzes Land. Herbert stand nicht am Mikrofon und vielleicht nahmen ihn viele nicht wahr. Für mich gehört er aber zu denen, durch dessen Geschichte eine Nation verändert wird. Er steht dafür, dass es möglich ist,  das zerstörerische Familienerbe einer Blutschuld für immer hinter sich zulassen und durch die Macht der Vergebung neues Leben hervorzubringen.

 

Und sein krankes Herz? Vielleicht war es wie ein Zeichen für das, was in seinem Leben durch die stellvertretende Buße geschah. Es war vom ersten Tag an, als er die Ukraine auf seinem "Marsch des Lebens" betrat, geheilt.

 

Demnächst erscheint die ausführliche Dokumentation über den "Marsch des Lebens" in der Ukraine. Als gedruckte Version zum kostenlosen bestellen: Tel. 07071-360920 und online über www.marschdeslebens.org

Archiv Navigation