09.09.2010
Koranverbrennung und Christenverfolgung
In den letzten Tagen wurde in der Presse gemeldet, dass Terry Jones, der amerikanische Pastor einer charismatisch-evangelikalen Gemeinde vorhat, den 11. September zum "Tag der Koranverbrennung" auszurufen. Terry Jones war Gründer der Christlichen Gemeinde Köln, die sich mit Recht von dem Vorhaben ihres ehemaligen Pastors in aller Schärfe distanziert, und damit nicht in Verbindung gebracht werden möchte.
Das Vorhaben von Terry Jones schlägt weltpolitisch Wellen. Politiker wie die amerikanische Außenministerin Hillary Clinton und Bundeskanzlerin Angela Merkel kritisieren die geplante Koranverbrennung. Islamische Demonstranten verbrennen Puppen von dem amerikanischen Pastor und drohen mit Anschlägen.
Um es deutlich zu sagen: Die geplante Koranverbrennung hat nichts mit der Botschaft des Evangeliums oder einer Kühnheit des Glaubens zu tun. Wir sollten aus der Geschichte Nazi-Deutschlands gelernt haben, dass öffentliche Bücherverbrennungen ein Kennzeichen von Totalitarismus und die Vorboten von Hinrichtungen, Massenexekutionen und Tod sind. Betrachtet man charismatisch- evangelikale Christen, die in den Kirchen und Gemeinden der islamischen Welt versuchen, trotz Widerstand und Verfolgung aufopferungsvoll die Liebe und Barmherzigkeit Jesu zu leben und weiterzugeben, ist eine solche Koranverbrennungsaktion geradezu perfide.
In einer Zeit, in der allzu leicht zu medienwirksamer Hexenjagd Andersdenkender aufgerufen wird, sollte man angesichts der geplanten Koranverbrennung der Versuchung widerstehen, alle evangelikal charismatischer Gemeinden als sogenannte „radikal-fundamentalistische Gruppen“, an den Pranger zu stellen. An den Gott der Bibel zu glauben heißt, die eigenen Waffen niederzulegen und der machtvollen und verändernden Botschaft des Evangeliums zu vertrauen. Im populären und manchmal auch manipulativen Sprachgebrauch werden unter dem Begriff „Fundamentalismus“ zuweilen unterschiedslos evangelikale und bibelgläubige Kirchen und Gemeinden, gewalttätige Mitglieder einiger Volksgruppen mit mehr oder weniger religiöser Motivation oder Terroristen zusammengefasst. Das macht diesen Begriff problematisch. (vergl. dazu Wikipedia: Fundamentalismus) Unter dem Begriff „christlicher Fundamentalismus“ werden Strömungen im Christentum zusammengefasst, die sich nachdrücklich auf das Fundament der Bibel beziehen. Diese Strömungen umfassen nach seriösen Schätzungen weltweit 600 Millionen Christen, und machen, obwohl in Deutschland noch eine Minderheit, inzwischen weltweit zahlenmäßig den Hauptanteil am Christentum aus.
Ich wünsche mir in diesen Tagen, dass die Politiker und Medien, die zu Recht die Koranverbrennung kritisieren, bereit sind, die verbrannten Gotteshäuser verfolgter Christen in islamischen Ländern ebenso zur Sprache zu bringen. Laut dem Weltverfolgungsindex der Menschenrechtsorganisation „Open Doors“ aus dem Jahre 2009 sind Christen die weltweit meistverfolgte Religionsgruppe. In 6 der 10 Länder mit der stärksten Christenverfolgung herrscht der Islam vor. Nach Quellen der „Evangelischen Allianz“ wird alle drei Minuten ein Christ aufgrund seines Glaubens hingerichtet – überwiegend in islamischen Ländern. Die „Katholische Kirche Schweiz“ berichtet, dass pro Jahr 100.000 Christen wegen ihres Glaubens von Muslimen ermordet oder zu Tode gefoltert werden. Jeder zehnte Christ ist nach Angaben der „Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte“ Opfer von Diskriminierung und Gewalt. Millionen Christen leiden aufgrund ihres Glaubens unter Benachteiligungen oder Verfolgung. Sie gelten häufig als „Bürger zweiter Klasse, denen selbst humanitäre Grundrechte verwehrt werden“, lautet das vernichtende Urteil von Open Doors zur Menschenrechtssituation der Christen im Islam. Die Antwort der evangelikalen Christen darauf ist nicht das öffentliche Verbrennen von Büchern, Puppen oder Fahnen, sondern die Worte, mit denen der amerikanische Pastor David Wilkerson einem Messerkämpfer begegnete, der ihn erstechen wollte: „Du kannst mich umbringen, kannst mich in 1000 Stücke schneiden; aber diese 1000 Stücke werden Dir zurufen, dass Jesus dich liebt!“ Die Botschaft des Evangeliums ist die Botschaft der Liebe und Versöhnung mit Gott durch den Opfertod Jesu am Kreuz. Sie kann niemals durch Bücherverbrennungen, sondern nur von Christen, die von seiner Liebe angezündet worden sind, weitergegeben werden.
Jobst Bittner, 9.9.2010
P.S.: Ich möchte hier für Interessierte noch eine Frage klären. Wird im Neuen Testament nicht sogar über eine Bücherverbrennung berichtet? Dazu gibt es eine Belegstelle, die oft in falscher Weise interpretiert worden ist. In der Apg 19,19 finden wir eine Begebenheit, in der Paulus auf seiner dritten Missionsreise in Ephesus Station macht. Die Wirkung seiner Mission war derart groß, dass bekehrte Okkultisten und Zauberer ihre Bücher zusammentrugen und verbrannten: „Viele aber, die Zauberei getrieben hatten, brachten ihre Zauberbücher zusammen und verbrannten sie öffentlich und berechneten, was sie wert waren und kamen auf fünfzigtausend Silberdrachmen.“ Diese spektakuläre Aktion zeichnete sich offenkundig durch Freiwilligkeit aus, was bei späteren Bücherverbrennungen eben nicht der Fall war. Die in der Apostelgeschichte beschriebene Bücherverbrennung war ein persönlicher und freiwilliger Vorgang, wodurch erklärbar wird, dass die Apostelgeschichte von ähnlichen Vorgängen in anderen Missionsstationen des Paulus nicht berichtet.




